L12 Metaphysische Deduktion

Béatrice Longuenesse zur Metaphysischen Deduktion der Kategorien

Paul Natterer

2009
7 Seiten
Sprache: Deutsch
Reihe: Aufsätze zur Logik und Wissenschaftstheorie
Ausgabe: PDF-Datei
Format: DIN A4

 

Datenübertragung:

Béatrice Longuenesse zur Metaphysischen Deduktion der Kategorien

Artikelbeschreibung

E. Cassirer [gemeinfrei]Die kantische Binnendifferenzierung der syntaktischen Einheit der Apperzeption mündet bekanntlich in 12 elementare Syntaxformen oder Urteilstypen (Urteilstafel: KrV A 70–76; B 95–101). Die Synthesistypen des Denkens gleich Urteilens gelten für die formale Urteilslogik, im analytischen Verstandesgebrauch. Dies versteht sich von selbst. Die 12 Synthesistypen des Denkens gleich Urteilens sind aber auch die Aussageformen für die reale Urteilslogik, im synthetischen und analytischen realen Verstandesgebrauch. Denn es gibt keine anderen Handlungen des Verstandes oder Denkens. [Foto rechts, GNU FDL: Der Neukantianer Ernst Cassirer, 1874-1945. Sein Substanzbegriff und Funktionsbegriff (1910) aktualisiert Kants Theorie syntaktischer logischer Funktionen für Mathematik und Naturwissenschaften: Empirische Wissenschaft ist analytische Zergliederung und synthetische Verknüpfung von Gegenständen, verstanden als Gewebe von Relationen]

Die sogenannte metaphysische Deduktion hat die Begründung dieses Sachverhaltes zum Ziel. Sie ist nach KrV B 159 die Aufklärung über den „Ursprung der Kategorien“, welche dabei aus „völlige[r] Zusammentreffung mit den allgemeinen logischen Funktionen des Denkens dargetan“ werden. Es geht also dabei um die Rechtfertigung der Grundannahme Kants, dass die kategoriale Wahrnehmungsorganisation isomorph zur begriffs- und urteilslogischen Kognition ist und mit derselben logischen Operatorenmenge arbeitet. Es darf heute in der Diskussion vorausgesetzt werden, dass Deduktion hier – wie auch in der sog. transzendentalen Deduktion Kants – nicht Ableitung oder Beweis bedeutet, sondern Exposition eines Begriffs (= eine Form der Definition); dass ferner metaphysisch analytisch, begriffszergliedernd meint. Für die nähere Vorstellung der einschlägigen Forschungsbeiträge von Krüger, Seebohm, Baum, Caimi, Henrich, Longuenesse und anderen zur Bedeutung von "metaphysisch" und "Deduktion" siehe z.B. mein Systematischer Kommentar Kap. 18.7 (296-299). Hier im Überblick die so entstehende Tafel der Kategorien (KrV B 106):

1. Der Quantität: Einheit – Vielheit – Allheit. 2. Der Qualität: Realität – Negation – Limitation. 3. Der Relation: der Inhärenz und Subsistenz (substantia et accidens) – der Kausalität und Dependenz (Ursache und Wirkung) – der Gemeinschaft (Wechselwirkung zwischen dem Handelnden und Leidenden) 4. Der Modalität: Möglichkeit – Unmöglichkeit,  Dasein – Nichtsein, Notwendigkeit – Zufälligkeit.

Longuenesse: Kant and the Capacity to Judge. Sensibility and Discursivity in the Transcendental Analytic of the Critique of Pure Reason, Princeton 1998, ist die maßgebliche aktuelle Diskussionsgrundlage zur metaphysischen Deduktion. Eine Auseinandersetzung mit Kritikern sowie eine Präzisierung ihrer Argumentation bietet Longuenesse: Kant on the Human Standpoint, Cambridge University Press 2005. Hier eine Skizze des Arguments zusammen mit einem Überblick zu dessen Aufnahme und Kommentierung durch Kantforscher und Logiker.